Alte Fotosund Briefe - Ahnen- und Genogrammarbeit

Das emotionale Erbe unserer Ahnen im Fokus der modernen Psychotherapie

Vortrag zum Nachlesen

Vortrag zum Thema »Von der Idee zum Heimatblatt«. Gehalten beim Pressereferentenseminar HEIMATBLATT im Donauschwäbischen Museum in Ulm im April 2016.

Das emotionale Erbe unserer Ahnen

Das emotionale Erbe unserer Ahnen ist ein aktuelles Thema und rückt immer mehr in den Fokus von Literatur, Therapie u. Öffentlichkeit. Es könnte auch Thema eines Heimatblattes sein. Ziel wäre:

  • sensibilisieren und inspirieren
  • als Reflexion der eigenen Erfahrungen
  • als Ansporn über diese zu sprechen oder zu schreiben
  • als informativer Teil des Heimatblattes mit Hinweis auf Literatur zu diesem Thema

Die Schatten der Kriegszeit sind in der Politik u. den Medien immer wieder präsent, die Rolle Deutschlands, die Folgen des Krieges usw.

Was nicht erwähnt bzw. kleingeredet oder ignoriert wird, sind die nicht betrauerten und verarbeiteten Kriegsschrecken und ihre Folgen. Insbesondere die große Ignoranz gegenüber den psychologischen Folgen des Krieges über Generationen hinweg.

Da diese sind nun bei den Kindern u. Enkeln der Kriegsgeneration angekommen sind, kann nicht mehr darüber hinweggesehen werden.


Folgen in Beratung und Therapie

All dies macht sich in Therapie und Beratung bemerkbar:

Über meist unspezifische Symptome, über Tabus, Ängste, mangelnde Selbstwertgefühle, diffuse Schuldgefühle, depressive Zustände, Bindungsstörungen u.a. nicht „greifbare“ Beschwerden und Zustände.

Oft haben die Leidenden die Erfahrung vieler Arztbesuche ohne konkrete Diagnose erfahren oder den Hinweis auf  weitere psychosomatische Gründe.

Aus der Trauma Forschung wissen wir heute auch, dass Traumafolgesymptome bei Nachkommen der Holocaust Opfer und der Opfer des 12. September, weitervererbt werden, auch an deren Kinder u. Enkel.

 

Über die psychischen Folgen des Krieges jedoch gibt es keine fundierten wissenschaftlichen Studien. Es gibt jedoch immer mehr Literatur, Erfahrungsberichte u. hilfreiche therapeutische Verfahren, die das nicht zu verschweigende, das Leiden lindern helfen und insbesondere die Ursachen und Zusammenhänge aufdecken.

  • sie machen uns den Einfluss unserer Vorfahren auf unser Leben hier und heute bewusst
  • es kehrt in uns wieder über Leiden u. psychische, nicht greifbare Symptome
  • Kinder und Enkel der „Kriegskinder“ spüren diese Symptome und leiden darunter, ohne die Ursache, die Quelle zu finden.
  • Leiden, ohne zu wissen warum! Sie können gar nicht wissen, warum sie leiden oder die Symptome haben.

Grund: Die „Kriegskinder“ reden nicht darüber, nicht über ihr Erleben, ihre Innenwelt, ihre Gefühle, ihre Erschütterungen. Schweigen ist überall!“

 

Heute wissen wir, dass die meisten Opfer traumatischer Erfahrungen schweigen. Die Trauma-Generation, hat diese Erlebnisse – um zu überleben – abgespalten.

Der große Schrecken hat keine Worte, weil der Schmerz zu groß war und ist!

Trauma heißt Wunde:
Eine schwere seelische Verletzungen mit schockartigen Folgen; Der Körper speichert es u. spaltet dieses Erleben ab, er lischt die Erinnerung um zu überleben; an deren Stelle tritt eine Leere.

Diese Traumata haben einen Weitergabe Effekt, d.h. traumatische Erfahrungen werden an die nächste Generation weitergegeben (vererbt) – was den Begriff:  transgenerativen Trauma- Weitergabe geprägt hat.  Der Prozess des Trauma Erlebens als auch der Trauma Weitergabe sind trotz unterschiedlicher Trauma Ereignisse sehr ähnlich.

Weil der Schrecken keine Worte findet, verwandelt er sich in eine Leere zwischen den Menschen und zu einer Leere in den Ausdrucks- u. Kommunikationsmöglichkeiten.

Dazu gehören die Verluste ohne Trauer, der Schmerz ohne Trost und als Folge davon die Härte gegen sich selbst, der Leistungskampf, keine Berührung …


Der Einfluss auf die Nachkommen

Anne A. Schützenberger –  konnte nachweisen, dass Erfahrungen und Gefühle der Ahnen Einfluss auf Leben und Gesundheit der Nachkommen hatte. Sie hat auf die Folgen hingewiesen, die aus der unbewussten Verbindung mit unseren Vorfahren herrühren können. „Es sind unausgesprochene Erlebnisse, Geheimnisse, verschwiegenes, verheimlichtes, die manchmal sogar zu denken verboten sind, undenkbar!

Sie gehen von einer Generation zu nächsten ohne dass sie „bedacht“ oder „verdaut“, assimiliert wurden. Dann sieht man Traumata auftreten, körperliche oder psychische Krankheiten, die oft verschwinden, wenn man sie wieder „durcharbeitet“, über sie spricht, über sie weint, sie hinausschreit …“

Das gesellschaftliche Schweigen unterstützt das individuelle und umgekehrt: Das persönliche/individuelle Schweigen über die traumatischen Erfahrungen und die damit verbundenen Gefühle wurde zu einem gesellschaftlichen.

 

Wie erklärt sich nun diese „Vererbung“ von Gefühlen?

Spiegelneuronen und  Erklärungen der transgenerativen Weitergabe!

Spiegelneuronen sind Nervenzellen mit einer Doppelfunktion. „Einerseits sind sie an sensorischen und motorischen Funktionen des Gehirns beteiligt (wie es bei den Schmerzzellen der Fall ist), andererseits spiegeln sie die Vorgänge, die wir in unserer Umgebung beobachten, in einer Art neuronaler Simulation nach“.  Sie gehen in Resonanz! Menschen können sich in andere Menschen „hineinversetzen“ – plastisch ausgedrückt.

Ein Beispiel:

Ein Kind aus einer sehr schweigsamen Familie versetzt sich in seine Eltern hinein – es geht in Resonanz mit ihren Gefühlen – es spürt das, worüber die Eltern gerade nicht erzählen, was sie aber erleben, ihre Ängste, ihre Erregung, ihr Vermeidungsverhalten. Dies kann so weit gehen, dass selbst ähnliche Trigger wie bei den traumatisierten Eltern auch bei der zweiten Generation traumatisches Erleben auslöst. Und auch bei der dritten, in abgeschwächter Form. Insbesondere kann die 2 Generation  – im Unterschied zu ihren Eltern, nicht wissen warum sie diese Symptome haben.

Die Zusammenhänge und die Möglichkeiten zu erfragen und bewusst zu machen um das Loch des Schweigens hörbar, fühlbar zu machen, kann Deutungszusammenhänge für das eigene Leben und Erleben öffnen.



Wie kann geholfen werden?

Auf die Zusammenhänge hinweisen u. Erinnern, bewusstmachen!

Bewusst heißt:
Ahnungen, Vermutungen und Zweifel ernst nehmen und sie aus dem Unbewussten wieder ins Bewusstsein holen – ans Licht sozusagen – da können sie wenigstens beleuchtet werden und verlieren ihre Kraft und Schrecken.

Technik:
Mit Hilfe des Genogramms (grafische Darstellung des Familiensystems) in der Therapie werden 3 Generationen aufgezeichnet. Dazu kommen die Erzählungen, Erinnerungen, Tabus und Geschichten, die der Klient mitbringt. Dabei können die Fragen die auftauchen gesammelt und sortiert werden.

Hierbei wird jeder, der zu dem System Familie gehört berücksichtigt und bekommt einen Platz.

  • die Lebenden u. die Toten
  • Geschwisterpositionen (haben im System jeweils eine gesonderte Bedeutung)
  • die Abwesenden
  • die Verstrittenen
  • die Gefallenen
  • die Totgeschwiegenen
  • die Weggegebenen
  • die Verlassenen,
  • die Geschiedenen,
  • die Verlobten und Entlobten
  • Stieffamilie
  • die Versprochenen
  • Geheimnisse u. Tabus bekommen ihren Platz.

Mit diesem Blick auf die Ahnenreihe ist es für Klienten hilfreich eine Krankheit oder ein seelisches Problem nicht isoliert zu betrachten und zu begreifen sondern dass in diesem Problem die verschiedenen Loyalitäten, Bindungen, Delegationen, Übertragungen, Normen, Werte, Glaubensgrundsätze und Konflikte der Herkunftsfamilie weiterwirken und dass sie mit ihrem Problem auf ihre Familie zurückwirken!

Wiederholungen und Zusammenhänge können so erkannt, aufgedeckt, bewusstgemacht werden – Über die Stationen: Erinnern, Erkennen, Wiedererleben, Durcharbeiten, Betrauern und Akzeptieren kann Versöhnung und Loslassen geschehen.

Wenn Verständnis und Mitgefühl dem traumatischen Erleben der Kriegskinder entgegengebracht wird, dann kann Verständnis und Mitgefühl für sich selbst dadurch erwachsen.  Die innere Leere kann gefüllt und mehr innerer Frieden gefunden werden; das Bild vom eigenen „ich“ wird formbarer, klarer und bewusster.

Es sind auch „kleine“ Geschichten, die einem z.B. die Gefährlichkeit der Situation in der unsere Eltern aufwuchsen, die tägliche Angst, Anspannung, die Übergriffe, das Verstecken wenn Gefahr gewittert wurde, die Hungergefühle „greifbar“ machen und gleichzeitig den Menschen hinter dieser Geschichte, den Vater, den Onkel; wir können nachempfinden, warum er immer ängstlich ist, nachfragt, wissen will ob das Kind zu Hause, wann es kommt … oder die Sparsamkeit, die Genügsamkeit, die Anspruchslosigkeit … ! Das Sammeln und „ Horten“… Alles hat eine Geschichte!

Wenn Schweigen herrscht und Unkenntnis,dann ist es wichtig zu reden, zu forschen, zu fragen und zu informieren. Dies ist oft die Grundlage und der Boden für das Verständnis des Erlebens der „unbekannten“ Generation und des eigenen Leidens.

„Wenn Menschen an „undefinierbaren Leiden“ (schuldig fühlen, besorgt ohne Grund, ängstlich und isoliert) leiden, und sie dann Informationen über wichtige Aspekte ihrer Geschichte erhalten, dann verändert sich auch der Bedeutungszusammenhang ihres Lebens.

Die so erforschten Erklärungszusammenhänge machen das eigenen Verhalten, die Rolle greifbar, den Sinn, den Platz im Familiensystem.

Ebenso sind es „Verstrickungen“ (unbewusste Aufnahme von Schicksal) die wirken und als diffuse innere Anspannung, Stress u. andere Symptome, Auffälligkeiten häufen und immer wieder kehren. Auch ein Thema des emotionalen Erbes.

Wenn dann Informationen bekannt werden, die ihr Verhalten (krankhaftes, hinderndes, Fremdheit, Verrücktheit, Selbstvorwürfe) erklären unter dem sie gelitten und für das es keine Erklärung gab, dann werden neue Zusammenhänge deutlich, historische Verstrickungen u.a. So erschließen sich zusätzliche Deutungsmöglichkeiten und es ergeben sich Wahlmöglichkeiten sich so oder so zu verhalten.

Bewusstwerdung ist gleichzeitig befreiend, es bringt „Unbewusstes“ ans Licht des Bewusstseins und schmort nicht mehr im Innern vor sich hin … es nimmt den inneren Druck!

Appell:
Die Erlebnisgeneration fragen, sich erzählen lassen, Zeit mitnehmen und Geduld! Sie als Multiplikatoren können dann ihren Kindern die Erlebnisse weitererzählen, dann, wenn dieses Interesse signalisieren, älter sind und wissen wollen!

Wir haben die siebenbürgischen Genealogen, die Daten stehen vielen zur Verfügung und das Interesse an Ahnenforschung ist gewachsen. Es liefert außer den wichtigsten Lebensdaten auch die Geschwisterreihenfolge, die Berufe zum Teil und es müssen nicht „Störungen“ im Hintergrund stehen um sich einen Überblick über seine Ahnenreihe zu verschaffen.

 

Anne Kremer – Redaktion Probstdorfer Heimatblatt
www.probstdorf.de


Quellen: 
„Wie Trauma in die nächste Generation wirkt“, „Der Ahnen Faktor“, „Oh, meine Ahnen“ (siehe Literaturliste)

Literatur zum Thema:

Kriegserbe in der Seele   (Udo Baer u. GFB)
Der Ahnen Faktor   (Peter Teuschel)
Familie im Gepäck   (Rosa Rechtsteiner)
Oh, meine Ahnen   (Anne A. Schützenberger)
Wie Traumata in die nächste Generation wirkt   (Udo Baer u. GFB)
Familiengeheimnisse    (John Bradshaw)
Die Kraft der Ahnen    (Erich Bauer)
Ich und die Anderen   (Claudia Molitor)
Einführung in die Genogrammarbeit  ( Bruno Hildebrand)
Familientherapie    (Doherty, McDaniel)
Das Schicksal würfelt nicht   (Hermann Meyer)
Die Kraft, die aus der Herkunft stammt   (Peter Orban)
Was die Seele krank macht und was sie heilt   (Thomas Schäfer)
Wie die Seele uns durchs Leben führt   (T. Schäfer)
Abschied von der Opferrolle   (Verena Kast)
Seelenhausmethode u. Praxisbuch   (Reiter u. H. Weinbach)
Das Kind in dir muss Heimat finden  (Stefanie Stahl)
Warum ich fühle, was du fühlst   (Joachim Bauer)
Das schwarze Schaf    (P. Teuschel)
Versöhnung mit den Ahnen   (Stefan Limmer)
Kriegsenkel – die Erben der vergessenen Generation   (S. Bode)
German Angst   ( S. Bode)

© 2018 Anne Kremer - Heilpraktikerin für Psychotherapie